Was passiert, wenn wir hassen?
Was passiert, wenn wir hassen?
Wann entsteht Hass? Was passiert in uns – in unserem Gehirn und in unserem Nervensystem, wenn wir hassen? Wie kann man aus diesem Gefühl einen Weg heraus finden? Diese Fragen habe ich mir gestellt und sie beleuchtet und diesen Artikel dazu geschrieben. Auch wenn es es unangenehmes Thema zu sein scheint – wir kennen es alle und deshalb macht es auch Sinn, genauer hinzusehen.
Immer wieder erzählen mir Menschen von dem starken Gefühl des Hasses – und für gewöhnlich ist dieses Gefühl verbunden damit, diesem Menschen einmal sehr nah gewesen zu sein oder in einer Art Abhängigkeitsverhältnis mit ihm gestanden zu haben.
In aller Regel sind starke Abhängigkeiten mit der Kindheit verbunden. In dieser Lebensphase ist der Mensch von seinen Eltern und möglicherweise anderen sozial nah stehenden Menschen abhängig. Diese Art von Abhängigkeit ist natürlich und gehört zum Leben des Menschen. Bei einer gesunden Eltern-Kind Beziehung löst sich die Abhängigkeit des Kindes im Älterwerden auf und die Beziehung verändert sich. Oft wird diese Abhängigkeit missbraucht und die Eltern geben dem Kind eine emotionale Funktion im eigenen Erleben von Mangel. Diese Abhängigkeiten werden oft in den späteren Beziehungen subtil weiter gelebt und sind dem erwachsen gewordenem Menschen oft nicht bewusst.
Wenn also diese Eltern-Kind Beziehung, die auch mit Abhängigkeitsgefühlen verbunden ist, nicht zu schönen Erlebnissen, sondern zu Abwertung, Missachtung und weiteren Formen der subtilen oder offenen Gewalt führt, entsteht eine tiefe Hilflosigkeit im jungen Menschen. Dieses unangenehme Gefühl bleibt bestehen, solange die Beziehung nicht geklärt und gelöst wird. Und daraus kann das Gefühl Hass entstehen. Das bedeutet zuerst schon einmal, dass Hass meist oder gar immer mit nahen Beziehungen und letztendlich immer mit Abhängigkeitsstrukturen im Zusammenhang steht.
Was läuft im Gehirn ab
, wenn wir hassen?
In den äußeren und inneren Schichten des Gehirns aktiviert Hass mehrere Regionen – insbesondere das Putamen und die Insula. Das Putamen ist dafür zuständig, uns auf das Handeln vorzubereiten und die Insula fungiert als Sensor. Wenn diese Regionen vom Hass vereinnahmt werden, können sie Vorgehen, wie Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen, fördern. Hinzu kommt, dass Hass die Empathie-Schaltkreise des Gehirns ausschalten kann. Es entsteht Wut und Aggression.
Für mich steht immer die Frage im Vordergrund, wozu ein Gefühl oder eine innere Regung als gesunde Reaktion dient. D.h. ich frage mich: Was will dieses Gefühl bewirken, damit sich etwas im Leben verändert.
Wenn der Mensch also vermeintlich liebt oder sich vielmehr in einer (natürlichen) Abhängigkeit befindet, dort aber Misshandlung, also Gewalt unterschiedlichster Form erlebt (verbal, körperlich, emotional), dann entsteht ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. In diesem Fall braucht er einen inneren Mechanismus, der ihm hilft, diese Abhängigkeit zu durchbrechen und somit die Gewalt zu beenden.
Wozu braucht es Wut und Aggression und den Hass?
Wichtig ist hier auch das Wissen um das Gefühl der Aggression: Aggression ist das Gefühl, das entsteht, wenn wir einen starken Impuls zur Veränderung spüren. Dieses starke Gefühl kann konstruktiv oder destruktiv genutzt werden.
Wenn also mein Gehirn mir die Möglichkeit gibt, zu erkennen, dass ich etwas verändern möchte (keine Gewalt mehr gegen mich), mir die Energie gibt, zu handeln (Aggression), meine Fähigkeit zur Empathie ausschaltet (einst fühlte ich etwas wie Liebe – das verändert sich), dann kann ich aus dem Verhältnis, das mich quält ausbrechen.
Das ist meine Herleitung des Sinns dieses Gefühls „Hass“. Warum bleiben Menschen aber so oft im Hass hängen und verändern nicht wirklich etwas, so dass diese starken vernichtenden Gefühle wieder aufhören können?
In der Praxis erlebe ich oft eine große Angst, die Aggression zu nutzen. Aggression ist immer mit dem Gedanken an Gewalt verbunden. Die Konstruktive Nutzung – also das Nutzen der Aggression, um etwas zu bewegen und zu verändern – bleibt somit oft ungenutzt.
So wird Hass zu einer Art schwach dosiertem Gift, das langsam und dauerhaft das eigene Einfühlungsvermögen untergräbt und somit die Beziehung zu sich und anderen Menschen verändert.
Wie kann eine Lösung aussehen?
Meist entsteht der Hass in erwachsenen Menschen. In der Kindheit, in der manche Abhängigkeiten noch nicht lösbar sind, kompensiert das Kind die missbräuchlichen Strukturen mit Bewunderung, Liebesgefühlen aber auch mit depressiven Strukturen. Also spreche ich hier von Menschen, die das Erwachsenenalter erreicht haben.
Zuerst einmal ist es wichtig, sich die Hassgefühle einzugestehen. Das ist für viele Menschen nicht einfach, da sie sich selbst als lieber friedvoll sehen oder erleben wollen.
Wenn der Mensch sich nun zugesteht, dieses Gefühl Hass in sich zu tragen – und auch das damit verbundene Gefühl der Aggression, kann daraus eine „kontrollierte“ Handlung entstehen. Das „kontrollierte“ Handeln ist deshalb wichtig, weil Menschen im Hass auch (unkontrolliert) gewalttätig werden können. Und das führt nicht zu dem Ergebnis, das als Wunsch und Sehnsucht (Ruhe, Frieden, Annahme etc) dahinter steckt.
Konstruktives Nutzen der Aggression
Wie funktioniert es, die Kraft der Aggression konstruktiv zu nutzen? Das können sehr unterschiedliche Dinge sein. Man kann mich jemanden anvertrauen und um Unterstützung bitten. Es können neue Fakten geschaffen werden – z.B. „Jedesmal, wenn Du mich abwertest, verlasse ich den Raum.“ Oder: „Ich brauche ein eigenes Zimmer, um einen Rückzugsort zu haben.“ Oder gar die Handlung der räumlichen und örtlichen Trennung, wenn eine Weiterführung der Beziehung nicht mehr sinnvoll erscheint.
Das Wichtigste jedoch ist es, aus den eigenen Abhängigkeitsgefühlen aussteigen zu können – und das scheint mir oftmals das Schwerste zu sein.
Eine Anleitung dazu gibt es nicht so einfach. Ich erlebe in der Praxis, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden darf. Der erste Schritt ist der wichtigste: „Ich möchte aus den Abhängigkeitsgefühlen und auch möglichen Abhängigkeiten raus!“ Ein sich Eingestehen, dass sich etwas verändern darf, das auch mit Angst und Mühe verbunden ist.
Alles weitere kann nur im Kontakt mit sich und mit Menschen, die man an der Seite hat, Schritt für Schritt heraus gefunden werden. Dafür eignen sich gute Freunde, vertraute Familienmitlieder oder ein Therapeut oder Berater.
Wenn Sie jemanden kennen, der sich in dieser Situation befindet, ist es Ihnen vielleicht durch diesen Artikel möglich, diesen Menschen zu unterstützen. Und natürlich stehe ich jedem in einer solchen oder ähnlichen Situation mit meiner Erfahrung zur Verfügung.
Herzlich, Ihre Jeanette Müller

